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Poco – Art | AK68 Mitgliederausstellung 2016

Stefan Scherer | Kunst und Texte | Poco-Art | AK68 Mitgliederausstellung 2016 | Galerie im Ganserhaus | 04.12.2016

 

Das Ritual der Mitgliederausstellung, der mittlerweile 48ten wird vom AK68 und seiner Galerie im Ganserhaus nun schon seit 1968 ununterbrochen gefeiert, wobei ich glaube, dass es in den ersten Jahren des AK68 eigentlich nur Mitgliederausstellung gab, vor allem aber Feiern. Mittlerweile ist unserer Mitgliederausstellung nach fast 50 Jahren Vereinsarbeit mit der Großen Kunstausstellung und sechs weiteren Ausstellungen der siebte Programmpunkt im Ausstellungsjahr mit diesmal 76 Künstlern. Eine wichtige Neuerung im Konzept der Mitgliederausstellung ist es, dass ab diesem Jahr aus der Ausstellung herausgekauft werden darf, was zwar, wenn wir damit Erfolg haben die Ästhetik der Hängung zerreißt und damit auch ein bisschen mein Kuratorenherz, den Mitglieder aber die Möglichkeit gibt im weihnachtlichen Konsum-Tsunamie ihre Mitgliedsbeiträge zu erwirtschaften.

 

Das Thema, wie auch das zentrale Kunstwerk dieser Ausstellung wird dieses Jahr vom Künstler, Graphiker, Philosophen und Astrologen Gerhard Höberth gestellt. Gerhardt Höberth ist vielen nicht nur als Künstler des AK68 bekannt, sondern auch als führender Lichtkünstler unseres städtischen Events “Wasserburg leuchtet“ Darüber hinaus arbeitet der gebürtige Wiener und studierter Philosoph in vielen Essays und Büchern über die Beziehung zwischen Religion, Wissenschaft und Esoterik auf der Suche nach einer Art „astrologischer Weltformel“, wie ich in seiner Vita lesen konnte.

 

UTOPIA – POCO-ART, so titelt Gerhard Höberth diese Ausstellung und damit auch seine Fragestellung an die Mitglieder und nicht zuletzt an den Besucher. Was aber scheinbar so schlicht mit dem Wort „Utopia“ daher kommt hat es wirklich in sich, besonders, wenn man sich dieses Kürzel „POCO-ART“ mal genauer betrachtet.

 

POCO-ART steht für „post-contemporary art“ oder übersetzt: „post-zeitgenössische Kunst“.
Aber was bedeutet das? Ist der Begriff „post-zeitgenössisch“ nur ein anderer Ausdruck für die Zukunft, bzw. die Zeit, die logischerweise auf die Gegenwart folgt. Und ist die Vergangenheit des Post-Zeitgenössischen dann ebenso logisch unsere Gegenwart? Und was bedeutet Kunst in diesem Wahrnehmungsmodell? Ziemlich verworren, dachte ich,- und wer sich daran nicht die Zähne ausbeißen will, braucht ein guten Zahnarzt. An ein paar Verschwörungstheorien vorbei, konnte ich mich dann aber doch bis zu einer schlüssigen Theorie durcharbeiten, die Folgendes besagt: Ich zitiere:
„Wenn die Hauptvoraussetzungen komplexer Gesellschaften eher Systeme, Infrastrukturen und Netzwerke sind, als individuell handelnde Menschen, verliert die menschliche Erfahrung, ebenso wie die auf ihr beruhenden Erkenntnisse ihre Vorrangstellung. Dementsprechend verliert auch die Gegenwart als erstrangige Kategorie der menschlichen Erfahrung seine Vorrangstellung im Verständnis von Zeit.“

 

Ein bisschen schlichter ausgedrückt wird also hier behauptet, dass der technologische Forschritt uns eine Umwelt beschert, die in ihrem Wirken stärker von superschnellen Rechensystemen geprägt ist, als von unserer vergleichsweise langsamen und biologisch bedingten Erfahrungs- und Empfindungsfähigkeit. Als Beispiel tagtäglichen Erlebens führen die Theoretiker dieses sogenannten „Spekulativen Realismus“ die algorithmischen Verfahren kommerzieller Dienstanbieter an, die auf Basis früherer Bestellungen Empfehlungen erstellen. Die Theorie dieses, der POCO-ART zugrundeliegenden Denkmodells gründet nun u. A. auf der Vermutung, dass im nächsten Schritt die Algorithmen des Computers bereits von den eigenen Wünschen wissen, bevor man sich selbst darüber im Klaren ist.

 

Diese Entwicklung von der klassischen Prävention, also der Reaktion auf bestimmte Vorgänge, – beispielsweise meines vergangenen Konsumverhaltens – zur zukunftsweisenden Strategie der Präemption, d.h. dem Zuvorkommen eines wahrscheinlichen Vorgangs, meines spekulierten Kaufs oder meiner zukünftigen Absicht ist für die Theoretiker des „post contemporary“ ein wesentliches Charakteristikum. Auch in der Politik ist diese Präemption, bzw. der Präemptivschlag ein neues Phänomen des 21. Jahrhunderts. Man wirft irgendwo Bomben ab und danach findet man den Feind, den man erwartet hat. Das klingt ein bisschen nach Verschwörungstheorie hat aber berühmte Beispiele. Berühmtestes ist wohl der Beginn des Irakkriegs; ein Präemptivschlag der damals von Collin Powell mit dem spekulierten Vorhandensein, mobiler Labors für Massenvernichtungswaffen gerechtfertigt wurde. Es wurde eine Situation produziert, die ursprünglich eine Spekulation war. Der Präemptivschlag unterscheidet sich damit deutlich von der Logik des Gleichgewichts des Schreckens oder den Präventivschlägen des 20. Jahrhunderts. Was gegenwärtig geschieht, beruht eher auf einer Vorwegnahme der Zukunft, behauptet nun Gerhard Höberts Landsmann, der Wiener Philosoph Armen Avanessian in seinem Text über den Zeitkomplex zur 9. Berliner Biennale im September 2016. Kurz gesagt, weist die „post contemporary art“ mit ihren philosophischen Grundlage, dem „spekulativen Realismus“ auf die Notwendigkeit einer neuen Gegenwartsbetrachtung oder einer erneuerten Vergegenwärtigung hin, eben einer novellierten Ästhetik von Gegenwart

 

Aber so etwas Ähnliches hatten wir ja schon mal. Wie die zeitgenössische oder zukünftige Computertechnologie heute in der Lage ist unseren sinnlich-erfahrbaren Zeitbegriff zu relativieren, so erlebten wir in einer nicht allzu fernen Vergangenheit durch die Einführung der Teletechnologie eine Verschiebung der Raumes, der Lokalität, des Existierenden. Die Welt im Wohnzimmer. Diese multimediale und ununterbrochene Vergegenwärtigung von Orten und Geschehnissen revolutionierte den Blick auf unseren Planeten, seine Kontinente, die Natur und die Natur unseres Nachbarn. … und tut dieses seitdem fortwährend. In der Folge emanzipierten sich Fotografie, Film, Video und Multimedia zu eigenständigen Gattungen der bildenden Kunst und die klassisch-ästhetische Oberfläche zunehmend zu einer psychologischen.

 

Einen ähnlichen Paradigmenwechsel fordert nun die Post-Contemporary-Art“ der sich Gerhard Höberth verpflichtet fühlt. Gerhard selbst sagt dazu: „Nachdem die durch die Vergangenheit bestimmte, klassische Kunst die Welt wiederzugeben versuchte, wie sie ist, folgte die Kunst in der Moderne dem Prinzip der Dekonstruktion und der Infragestellung und pendelte dabei, als Reaktion auf ihre jeweilige Gegenwart zwischen Reflektion und Provokation. In der zunehmenden Beschleunigung unserer Gegenwart überholt sich nun der Zeitgeist gerade selbst und kehrt damit kulturell das Prinzip von Ursache und Wirkung um. Die Zukunft bestimmt mehr und mehr das Jetzt. Dies befreit einerseits von den Zwängen gegenwärtiger Tabus und löst andererseits die Kunst aus dem Zwang zur schnellen Reaktion auf die Gegenwart, bevor sie Vergangenheit ist. „Post-Contemporary“ als Kunstform betont die Erzeugung neuer, konstruktiver Hypothesen, die Erschaffung von Utopien. Sie öffnet den Blick auf eine Zukunft, die zunehmend die Gegenwart bestimmt. Post-Contemporary schöpft aus dem vollen Potenzial der Möglichkeiten einer zwar offenen aber uns immer mehr bestimmenden Zukunft.“

 

Für die, denen jetzt der Kopf raucht vor lauter kunsttheoretischer Betrachtung gibt es jetzt einen kleinen praxisorientierten Entspannungsvortrag über die Petersburger Hängung, weil ich 1. genau daneben stehe und 2. es ein wunderbarer Einstieg ist in die Arbeiten unserer 76 teilnehmenden Künstler.
Diese auch als „Salonhängung“ bezeichnet Präsentationsform ist eine besonders enge Reihung von Gemälden. Häufig reichen sie bis an die Decke, während die Rahmen der Werke dicht beieinander hängen. Die Bezeichnung „Petersburger Hängung“ geht auf die üppig behängten Wände der Sankt Petersburger Eremitage zurück. Diese Art der Hängung von Gemälden reicht bis zur Spätrenaissance zurück, als vermehrt Ölgemälde hergestellt und erworben wurden. Sie bringt eine veränderte Intention bei der Ausstellung von Kunstwerken zum Ausdruck, die sich im Lauf der Geschichte vollzogen hat; die „Salonhängung“ zielt nämlich darauf ab, den Betrachter durch die schiere Menge der versammelten Kunstwerke zu beeindrucken ….und in unserem Fall natürlich die schiere Menge der versammelten Mitglieder.

 

Das versuchen wir schon Eingangsbereich mit zwei Skulpturen von Jörgen May und einer Geigenbogenkastenkunst von Ute Lechner und Hans Thurner. Und ich muss mich schon jetzt dafür entschuldigen, dass ich nicht alle Künstler nennen kann, denn alle haben in ihrer künstlerischen Ernsthaftigkeit und Originalität Anspruch darauf in dieser Ausstellung gewürdigt zu werden.

 

Zurück nach Petersburg. Hier rechts von mir haben wir versammelt: Christa Bock-Köhler, Regine Pohl, Johann Plank, Manfred Popp, Marco Bruckner, Monika Lehmann, Paul Mooney, mit seinem aquarellierten „Neustart der Welt“, Severin Zebhausers Handgranatenabdruck und zwei Kollagen der jungen Akademiestudentin Lovis Scherer. Weiter in der Bibliothek zeigen wir Hanne Kiefer mit einem ihrer typischen Diptychen und Kitty Winde-Steins Doppelbild in Acryl. Dem gegenüber hängt die figurative Arbeit von Joseph Köstler, der nicht nur in seinem Gemälde „lookout“ sondern auch als Vorstandsmitglied immer wieder für die humorvolle Perspektive sorgt. Den nächsten Raum bespielen Arbeiten von Gerlinde Burghard-Bießle. Fritz Armbruster mit seinem so informell wie appelativen „Kreis des Friedens“ und die abstrakten Arbeiten von Joseph Thalhofer, Elisabeth Anzinger-Schlör, Inga Hansen, und ein bisschen konkreter Peter Troje.

 

 

Wer jetzt am nächsten Punkt in unserem Ausstellungsrundgang sich des Tunnelblicks auf das hier stationierte Buffet nicht erwehren kann, verpasst die teils großformatigen, abstrakten Gemälde von Christopher Eymann, Maria Ziegler, Ursula Kammerl, Margret Kube und Brigitte Bosshammer. Im Aufgang zum 1 Stock hat man aber dafür gleich eine unmittelbare Begegnung mit Uwe Treyz pastos gemalter Nackten. Eine Utopie hinter Gittern und ich schätze seine zupackende Direktheit auch beim Hängen, bei der er mir seit Jahren eine unersetzliche Hilfe ist. Rechts daneben und auch im Petersburger Stil gehängt Gabi Dräger, Angela und Dominic Sans, die dem Raum eine Art Popart-Atmosphäre geben. Unterstützt wird diese Stimmung von Christine Bross, dem poppigen Hausaltar von Helmut Ranftl und den Grafiken von Ottilie Gaigl.

 

 

Und nun beginnt das Reich von Gerhard Höberth. Das besteht aus einer, den ganzen Raum beanspruchenden Videoinstallation, die ich leider bevor ich diese Rede schrieb nicht mehr zu sehen bekam. Aber vielleicht ist es gut, wenn sie sich so völlig unbeeinflusst von Inhaltsangaben und Vorbeschreibungen auf Gerhards Werk einlassen können. Gerhard Höberth nennt seine Videoinstallation „INTUITIVE SOLUTION UNIT“, was sich in etwa mit „Intuitiv-Lösungs Einheit“ übersetzten lässt und schrieb zwei begleitende Sätze dazu:
„Noch glauben wir, wir entwerfen Strategien, mit denen Technik Probleme löst, um damit zu einem Ziel zu gelangen. In Zukunft wird die Herausforderung sein, die selbstständigen Strategien der Technik bei der Problemlösung zu verstehen, damit wir entscheiden können, ob wir mit den damit verbundenen Zielen einverstanden sind.” Ich bin jetzt also genauso gespannt wie sie, wie sich POCO-ART in Gerhards Video-Installation anfühlt.

 

Den darauffolgenden Durchgangsraum besetzen vor allem mit der Kraft der Farbe – zunächst die Bilder von Gabriele Granzer und Gabriele Witthaut, Gabriele Witthaut, mit dem klassischen Symbol unser aller Zukunft . einem Totenschädel und Gabriele Granzer mit einer zweiteiligen Herz-Jesu-Adaption.

 

Die größte zusammenhängende Ausstellungsfläche, die wir im 1. Stock zur Verfügung haben wird von zwei großformatigen Gemälden dominiert, das ist zum einen die Arbeit von Manuel Michaelis, der sich mit einem impressionistischen Kampfflugzeug im Verein zurückmeldet und zum anderen das abstrakte, zwischen Farbfeld und Geste pendelnde Gemälde von Monika Reinhard. Edith Immisch, Benedikt Riesch und Birgit Jung komplettieren diesen Raum mit schlichter Eleganz. Im kleinen Nebenraum finden sich Papierarbeiten neben Aquarellen und Fotografien, eine feminine Kollage von Vera Moritz und zwei originelle Installationen von Jutta Mayr und Siglinde Bernd und eine fünfteilige Papierarbeit von Susanne Staudhammer. Am Ende des Rundgangs auf dem Weg in unser Gewölbe begegnen uns noch die Gemälde von Ulrich Hutter, Angela Reinthaler, das Miniformat von Birgit Ibins Michaelis, die geometrische Abstraktion von Wolfgang Dietrich und das düstere großformatige Gemälde „Pop Corn“ von Monika Kaiblinger.

 

Das Gewölbe selbst schließlich zeigt Arbeiten von Bert Salden, Renate Methner, Dirk Waltenbauer, Ulrike Blumberg, Albert Bernstetter, Sophie Meindl, Installationen von Ursula Maren Fitz und Helga Goldhorn und nicht zuletzt die auffällig schöne Malerei von Anna Karpowicz-Westner, die mir wie aus einer anderen Zeit erscheint.

 

Da das Thema unsere Ausstellung sich nun mit der Neubewertung des uns bestimmenden Zeitkomplexes beschäftigt, ja sogar unser traditionelles Zeitgefühl in Frage stellt, ist diese andere Zeit, von der ich gerade sprach jedenfalls nicht meine Gegenwart, was aber nichts an der Schönheit des Gemäldes von Frau Karpowicz ändert. Insofern ist Schönheit in Abgrenzung zur Mode zeitlos. Aber der Künstler ist es nicht! Er ist ein Kind seiner Zeit. Auch deswegen fordert die POCO-ART und ihre Vordenker nun von der Kunst eine Neuorientierung der künstlerischen Positionen.

 

Im Grunde aber und bei aller Notwendigkeit komplexer Reflexionen über die Ästhetik unsere Existenz und ihres zeitgemäßen künstlerischen Ausdrucks rennen Sie – wie ich persönliche finde – offene Türen oder besser, offene Ateliers ein, außer natürlich denen, die immer schon dicht waren. Denn der Künstler, der Maler, Bildhauer, Filmemacher, Musiker und Literat, so wie ich ihn verstehe hat nicht nur den schönsten und privilegiertesten Beruf der Welt, sondern in diesem Bewusstsein auch die notwenige Sorgfalt und das Verantwortungsgefühl seinen Standort und seine Haltung immer wieder zu überprüfen. Denn nirgendwo wird so schön gescheitert und nirgends so ästhetisch gerungen mit den Windmühlen, die sich Authentizität oder Originalität nennen, die einfach alles zermalen, von den Instrumenten der Vergangenheitsbewältigung über die Ketten des Zeitgeistes bis hin zu den Herausforderungen der Zukunft und ihrer hoffnungsvollen Utopien bis am Ende diese geistige Nahrung entsteht, dieser Urstoff, der die Grundlage aller Kultur und Zivilisation bildet, …die Kunst.

 

Stefan Scherer | 04.12.2016

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